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Heißgeliebter Viez

Veröffentlicht: Donnerstag, 23. Februar 2017
von Elisabeth Dichter-Hallwachs, Hof Hamerskaul, Utscheid

Vorfreude bei Elisabeth auf ihren heissgeliebten Viez„Was ist Ihr Lieblingsgetränk?“,  fragt mich der klassische Homöopath, der sich mit allerlei Fragen ein komplexes Bild von meiner Persönlichkeit machen möchte.
„Viez!“,  kommt es aus meiner tiefsten Seele wie aus der Pistole geschossen.
„Viez?“ Der Heilpraktiker schaut mich fragend und irritiert an.
„Ja, Viez. Sie wissen wohl nicht, was das ist?“ Klar, im fernen Berlin weiss man natürlich nichts von Viez.
„Viez ist so was wie Apfelwein, Cidre – oder Ähnliches –  aber auch wiederum etwas ganz Anderes – etwas Spezielles aus meiner Heimat Eifel – ja, eine Eifeler Spezialität – natürlich vergorener Apfelsaft aus dort heimischen Äpfeln – meist ziemlich sauer – dort meist nur noch von alten Männern getrunken“, versuche ich stotternd zu erklären.
Der Homöopath schaut mich ungläubig von oben bis unten an. Er kriegt wohl mein buntes, exotisches, hippiemäßiges Äußeres nicht so recht mit meiner Begeisterung für dieses saure traditionelle Eifeler Getränk zusammen.

Ich frage mich, warum ich, die ich so sehr aus diesem bäuerlichen, traditionsgeprägten und für mich oft sehr engen Dorf meiner Kindheit heraus wollte, dieses alte Getränk so sehr liebe.
Da sitze ich nun im fernen Berlin und philosophiere über dieses fast vergessene Getränk meiner Heimat.
Und plötzlich überfällt mich ein großes Heimweh nach den hügeligen Eifeler Wiesen mit den krummen Apfelbäumen. Von allen Bäumen stehen sie meinem Herzen am nächsten. Diese alten, schief und krumm gewachsenen, knorrigen, meist nie beschnittenen Eifeler Apfelbäume, besonders wenn sie im Frühling mit unzähligen zartrosa Blüten übersät sind. Jeder Baum eine eigene Persönlichkeit, ein Unikat.
Vielleicht ist da eine heimliche Sehnsucht, ihm ähnlich zu sein. Die eigene Individualität zu leben und dennoch mit den anderen in einer Reihe zu stehen und die Welt mit vielen Früchten zu bereichern.

Erinnerungen an meine Kindheit in unserem kleinen Eifeldorf tauchen auf. Wir Kinder mussten in den 60er Jahren noch völlig selbstverständlich auf Hof und Feld mithelfen. Das war nicht immer nur romantisch, aber die Apfelernte war immer das Höchste. In der goldenen Herbstsonne, wenn es Äpfel regnete, der Boden von rotgelben Früchten übersät war, das war das Paradies auf Erden!
Und dann der frisch gepresste Apfelsaft! Bei der Erinnerung läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Als ich Kind war, wurde noch fast von jedem Bauer im Dorf selber „gepresst“. Und wir Kinder durften – selbst in der Schulpause – zu dem Hof laufen, wo gerade Saft gemacht wurde. Und durften so viel frisch gepressten Saft trinken, wie wir vertragen konnten. O welche Köstlichkeit, welche Kindheitsseligkeit!
Unsere Gaumen waren ja noch nicht von modernen, gezuckerten, geschmacksverstärkten Eistees, Energydrinks und Ähnlichem verdorben.
Vom vergorenen Saft, dem Viez, durften wir als Kinder natürlich nicht kosten. Aber wenn ich im dunklen, geheimnisvollen, modrigen Keller einen Krug Viez aus dem großen alten Holzfaß für unsere Gäste in der Wirtschaft holen musste, steckte ich heimlich mal den Finger hinein und kostete. Gerade das Verbotene weckt oft die Begierde und macht die Sache zu etwas Besonderem.

Vielleicht haben mich gerade diese Kindheitserinnerungen an Apfelbäume, Apfelsaft und Viez in meine heimatliche Eifel zurückkehren lassen. Doch auch hier haben sich die Zeiten geändert. Kaum jemand presst noch selber die Äpfel, oft werden sie nicht mal mehr aufgesammelt. Mir blutet das Herz. Jahrelang musste ich in der Stadt jeden Apfel kaufen. An frisch gepresstem Apfelsaft und Viez war gar nicht erst zu denken. Und hier liegen die Äpfel auf den Wiesen, kaum mehr jemand bückt sich danach.

Eine alte, in mir schlummernde Sehnsucht bricht hervor, und ich krempele die Ärmel hoch. „Well maachen äisch meei Viez selwer!“ schockiere ich meinen Vater. „Bas dou daan verreckt, den drenkt doch hett kän Mensch meh“, schüttelt er den Kopf, ist aber vielleicht doch ein bisschen stolz, dass bei mir trotz Studium, Großstadt und modernem Leben die alte Bauernseele der Vorfahren durchkommt.
Leider hat er Kelter, Fässer und was man sonst noch zum „Viezen“ braucht, längst verscherbelt. Wie schade! Für ihn ist, wie für die meisten seiner Generation, die sich in der Jugend und in schlechten Zeiten furchtbar plagen mussten, das „Gekaufte“ und das „Moderne“ nicht nur leichter und einfacher, sondern sowieso viel, viel besser.
„Oone dee rischtisch Viezäppel gett daat suwiesu neist“, versucht mein Vater mich zu bremsen. Doch diese sind mittlerweile auch ausgestorben.
„Da moos ma mat denen danzen, de op da Muusik sen“, lasse ich mich nicht entmutigen. Da auch alte Holzfässer nicht mehr zu haben sind, bleibt mir nicht anderes übrig, als mir im Baumarkt ein Plastikfass mit Gäraufsatz zu kaufen, was mir ziemlich gegen den Strich geht. Ein Bauer vom Nachbarort verkauft mir preiswert seinen alten Obstkelter mit der Bemerkung: “Su watt benotzt doch hätt kän Mensch meh.“ Ein anderer schenkt mir „beklopptem Weib“ eine alte verrostete Musmühle.

Wie eine Verrückte sammle ich nach meiner anstrengenden Arbeit als Sozialarbeiterin „die vergessenen Äpfel“ auf den heimatlichen Wiesen und an den Straßenrändern. Zum Glück begeistert sich mein Lebensgefährte, der als Großstadtmensch mit Säen und Ernten bisher nicht viel zu tun hatte, für diese Art von „Sport“. Anstatt sinnlos durch die Landschaft zu joggen, gehen wir auf Apfeljagd.
In der goldenen Herbstsonne, über und über mit goldenen Apfelkugeln beschenkt, kehrt die Glückseligkeit meiner Kindheit zurück. Keine Wiese ist mir zu matschig oder zu steil, kein Rücken tut mir weh, keine Brennnessel kann mir was anhaben.
Kein Apfel ist mir zu runzlig, zu klein oder zu sauer, alle schmecken mir köstlich, sind für mich ein Geschenk des Himmels, sind das Paradies!

Gestärkt vom vielen Apfelessen geht’s dann ans Pressen, was dann doch auch richtig viel und schwere Arbeit ist. Die Äpfel müssen gewaschen werden. Wie bewerkstellige ich das? Äpfel in eine alte Waschbütte – Wasser drauf – wieder herausnehmen – frisches Wasser – eine mühselige Angelegenheit. Da kommt mir die Idee, sie in den vergitterten Plastikkisten einfach mit dem Schlauch abzuspritzen – super!  
Eine richtig schwere Arbeit ist dann das Zerkleinern mit dem alten Muser und die zerhackten Äpfel in den Kelter einzufüllen. Etwa 10 Zentner passen rein. Das werden etwa 300 Liter Saft. Ein Glück, die Hydraulik funktioniert noch und erleichtert die Arbeit des Pressens.
Dann der Moment, wo der erste Saft kommt. O welche Köstlichkeit! Ich trinke so viel, bis ich fast platze. Sonst trinke ich nie was Süßes, aber der frisch gepresste Apfelsaft berauscht meine Sinne. Ich glaube, er ist auch eine bombastische Vitaminspritze, die mich den ganzen Winter vor Infekten schützt. Kalt gestellt bleibt der Saft ein paar Wochen frisch, aber dann fängt er an zu gären. So halb süß und halb sauer schmeckt er mir besser als der beste Champagner.
Den Teil des frisch gepressten Apfelsaftes, der Saft bleiben soll, koche ich in Flaschen ein. Der andere Teil kommt ins Faß – Gäraufsatz drauf – und kann in Ruhe ohne irgendwelche Zusätze oder irgendwelches Zutun vergären. Ich vertraue der Natur, und die Natur macht das schon. An meinem Geburtstag Ende November kredenze ich meinen selbst gemachten Viez zum ersten Mal meinen Gästen.
„Den schmaacht ja wirklisch rischtisch good“, sagt mein Vater anerkennend und zeigt mir, vielleicht zum ersten Mal, dass er stolz auf mich ist.
Nicht alle meine Gäste können die Begeisterung für dieses saure Getränk teilen. Sie trinken ihn ja auch nicht mit den Gefühlen wie ich, die ich bei dem ersten Schluck im Mund gleich die goldenen Herbstwiesen vor mir sehe, den Geschmack von dem süßen Saft auf der Zunge spüre, voller Dankbarkeit für die Fülle, die die Schöpfung uns schenkt.

Elisabeth beim Apfelpressen mit ihren Kindern 1996Nun mache ich seit 30 Jahren jedes Jahr, wenn es Äpfel gibt, meinen eigenen Viez, den ich zu jedem Abendessen genieße. Jedes Jahr schmeckt er ein bisschen anders, aber mir immer köstlich. Auch ich bin jedes Jahr ein bisschen anders und bleibe doch irgendwie dieselbe. Meine gute körperliche Verfassung und Gesundheit habe ich vielleicht auch ein Stück dem Viez zu verdanken.

Viele Jahre habe ich meine vier Kinder von klein auf mit auf die Wiesen „geschleppt“.
Heute sind sie erwachsen und sind wie ich damals vom Land in die Stadt „geflüchtet“. Aber sie haben die Erinnerung an die hügeligen Wiesen, die krummen Apfelbäume, die reiche Apfelernte und den Geschmack von köstlichem frisch gepresstem Apfelsaft als kleinen Schatz in ihrem Herzen.

Als wir vor 10 Jahren ein altes Haus kauften, verliebte ich mich zuerst in die große Obstbaumwiese am Haus mit über 100 Bäumen. Es war Mai, die Apfelbäume blühten. Seither brauche ich meine Äpfel nicht mehr an Wegen und Zäunen zu sammeln. Zum Glück konnte ich meinen Mann mit meiner Apfel- und Viezbegeisterung anstecken. Er liebt den sauren Viez zwar nicht so sehr wie ich, aber das Ernten und Einfahren macht ihm Spaß. Letztes Jahr konnte er keinen Apfel auf der Wiese liegen lassen, obwohl unsere drei Viezfässer gefüllt, 300 Flaschen Apfelsaft eingekocht und 100 Gläser Apfelmus eingemacht waren. Den Rest der Äpfel brachte er zum Brennen, und nun haben wir auch noch ca. 20 Flaschen Apfelschnaps im Keller.

Die Natur beschenkt uns in Hülle und Fülle, wenn wir sie würdigen. Um meine alten Apfelbäume brauche ich mich nicht zu kümmern. Ich beschneide sie nicht, ich spritze und dünge sie nicht, und sie stehen seit Jahren da und beschenken mich. Ich will ihnen wenigstens meine Achtung und meinen Dank geben. Ich werde sie nie fällen, sondern sie ihren natürlichen Lebensgang in Ruhe gehen lassen.
Als Beschenkte beschenke ich seit vielen Jahren unzählige Lehrer und Betreuer in meiner Jugendherberge mit meinem mit Liebe gemachten, Nerven beruhigenden, aufheiternden „Schlummertrunk“. Die Dinge haben die Bedeutung, die wir ihnen geben.

Auch ich werde älter. Seit ein paar Jahren pressen wir nun unsere Äpfel in einer kleinen Obstkelterei in Eschfeld. „Zugezogene“ haben dort einen wunderbaren Betrieb aufgebaut und machen dort im riesigen neuen Holzfass hervorragenden alten Viez. Oft sind es die „Auswärtigen“, die uns unsere dörfliche Kultur zurückbringen.
Viele schätzen das, was sie haben, nicht und meinen, das Fremdartige, das Teure, das Veredelte sei besser. Für mich ist die Natur schon perfekt, das Natürliche das Beste. Und so würde ich jederzeit meinen Viez der teuersten Flasche Champagner vorziehen.
„Wat dou immer mat dem Viez hoss“, werde ich oft gefragt.
Mein geliebter Viez ist natürlich, unverfälscht, eigenwillig, bodenständig…,
vielleicht ein bisschen so wie ich.
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„Heißgeliebter Viez“ von Elisabeth Dichter-Hallwachs ist zuerst erschienen im Heimatkalender des Eifelkreises Bitburg-Prüm Nr. 62/2013 Zugriffe: 379