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Heißgeliebte „Weatschaft“

Veröffentlicht: Donnerstag, 23. Februar 2017
von Elisabeth Dichter-Hallwachs, Hof Hamerskaul, Utscheid

Das heutige Gasthaus Dichter in Gilzem„Ooh hei, et Korelzen Lissi ous da Weatschaft a Geelzem!“,  spricht mich ein alter Bekannter auf dem Postplatz in Bitburg an.
„Mia senn doch freja emma su gear bej äisch op de Muusik kommen!“
„Korelzen Lissi“, so hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt. Das fühlt sich so nach Heimat an, denn in meinem Heimatort Gilzem wurde ich so genannt. Nun wohne ich schon über 40 Jahre nicht mehr dort. Aber „Korelzen Lissi“ werde ich wohl immer bleiben.
„Unn, gett et äja Weatschaft nooch?“  
„Ja, natürlich, die bewirtschaftet mein Bruder Klaus in der vierten Generation weiter“, antworte ich stolz.

Ich denke an unseren Gasthof, und mir wird ganz warm ums Herz. Und ich bin sehr glücklich, dass es in unserer schnelllebigen Zeit in meinem Leben diesen beständigen Platz gibt, der seit Generationen von meiner Familie bewohnt und betrieben wird. Ein Platz, der vom Geist meiner Vorfahren beseelt ist und der für mich Heimat bedeutet.

Während ich noch ganz in Gedanken an meine Kindheit in unserer Wirtschaft in Gilzem weiter gehe, treffe ich am Bedaplatz einen anderen Bekannten:
„Unn, schreifst dou diss Kea och nomol äppes fia den Heimatkalender, zum Thema Wirtschaft kaans dou doch sischa watt vazeelen!“, zwinkert er mir zu.
Nein, von Wirtschaft allgemein habe ich keine Ahnung, aber zu unserer Gastwirtschaft in Gilzem fallen mir viele Erinnerungen ein.

Als Kind wunderte ich mich sehr, warum unser Haus „Korelzen“ heißt, obwohl wir uns doch „Dichter“ schreiben. Ich weiss, dass einer unserer Vorfahren Karl („Korel“) hieß.
Von ihm kam der Hausname „Korelzen“ („dem Karl seins“).

Nun will ich es doch genauer wissen und durchstöbere die alten Papiere in meinem Elternhaus. Es gibt leider keinerlei persönliche Aufzeichnungen. Dafür hatte wohl niemand bei der vielen Arbeit in dem land- und gastwirtschaftlichen Betrieb mit Tante-Emma-Laden Zeit und Sinn. Die Totenzettel sind mehr oder weniger die einzigen Dokumente. Im Familienbuch der Gemeinden Eisenach und Gilzem finde ich, dass ein Karl Feilen aus Rittersdorf mit seiner Frau Margarethe geb. Dichter aus Prümzurlay wahrscheinlich 1895 den schon 1836 gegründeten Betrieb von einer Familie Becker gekauft hat.
Gasthaus Karl Feilen um 1900Ich frage mich: was hat den Karl aus Rittersdorf dazu bewogen, in Gilzem ein Gasthaus zu kaufen? Er sollte in einem anderen Haus in Gilzem „Bejsaatz“ werden, was aber aus irgendwelchen Gründen nicht klappte. Vielleicht gefiel ihm das Gasthaus neben der schönen alten kleinen Dorfkirche, vielleicht war es gerade billig zu haben – wir wissen es nicht. Dokumentiert ist, dass es ab 1906 ein sogenanntes „Fremdenbuch“ gab und ab 1910 ein Vertrag mit der Bitburger Brauerei.

Karl und Margarethe Feilen hatten keine Kinder. Sie nahmen den jüngeren Bruder von Margaretha Nikolaus Dichter aus Prümzurlay als „Beisatz“ ins Haus. So kam der Name „Dichter“ nach Gilzem. Nikolaus heiratete 1911 Margaretha Neises aus Messerich, mit der er zehn Kinder bekam. Margaretha Feilen starb 1922 mit 59 Jahren, in dem Jahr, als mein Vater Ernst als zweitjüngstes Kind von Nikolaus und Margaretha Dichter geboren wurde. Karl Feilen starb 1931. Er war nicht mein Urgroßvater, wie ich immer dachte, sondern mein Großonkel.
Meine Großeltern übergaben den Betrieb 1951 an meinen Vater Ernst Dichter, als er Hildegard Crames aus Messerich heiratete. Von ihren vier Kindern bin ich das zweite, und mein jüngerer Bruder führt seit seiner Heirat mit Petra Boudier aus Merzkirchen den Betrieb weiter.
Um die Geschichte unserer Gastwirtschaft zu beschreiben, musste ich jetzt erstmal die Familienverhältnisse „auseinanderklabüsern“.

Das gute alte Gasthaus. Es steht immer noch am selben Platz, neben der alten Kapelle. Es wurde im Laufe der Zeit oft umgebaut und modernisiert, aber es ist erfüllt von dem gastfreundlichen Geist der Vorfahren. Das spüre ich ganz deutlich, als ich mich mit den wenigen Fotos, die es gibt, an die Theke setze. Mein Bruder stellt mir ein mit Liebe frisch gezapftes Bitburger hin, wie es mein Vater tat und mein Großvater sicherlich auch. Nirgends schmeckt mir das Bitburger so gut wie hier.

Ich denke an meine Vorfahren. Wie mag es hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als ich noch nicht auf der Welt war, wohl zugegangen sein?
Ich stelle mir vor, dass sich von 1900 bis in die 50er Jahre nicht viel Wesentliches im gesellschaftlichen Leben verändert hat. 1953 geboren, bin ich noch gerade am Rande der alten Zeit aufgewachsen. Hinter der Theke, sozusagen.

Gasthaus Nikolaus Dichter um ca. 1930Ich habe noch viele Erinnerungen an die alte Zeit. Es gab die „Goot Stuuf“, die auch das Wohnzimmer der Familie war, in der sich der Alltag des Wirtshauslebens abspielte. Tagsüber in der Woche gab es wenig Gäste. Da kamen regelmäßig ein paar alte „Pätter“, die nichts zu tun hatten. „Gehaans Papp“, „Neckels Pitter“, „Grieba Metti“… tranken ein Schnäpschen, einen Stubbi oder eine Bluna, qualmten mit ihren Pfeifchen und Zigarillos die Bude voll bzw. spuckten ihren Kautabak durch die Gegend und klagten über Gott und die Welt. Sie saßen neben unserem Tisch, wenn wir zu Mittag aßen oder wir Kinder unsere Hausaufgaben machen mussten. Irgendwie gehörten sie zur Familie. Ab und zu kam ein Vertreter, ein fahrender Händler, der Strom- oder Wasserableser, ein Milchkontrolleur oder Schweinekastrierer. Diese aßen dann oft eine Kleinigkeit, z. B. Hausmacherwurst oder Schinkenschnittchen, eine Dose Ölsardinen mit Brot, ein paar Spiegeleier oder auch das, was es an dem Tag für die Familie gab.

Nur am Sonntag wurde der kleine Saal, in dem auch die Theke stand, geheizt. Ich erinnere mich noch gut an den alten Holzdielenboden, der nach Leinöl roch, und an den riesig großen gusseisernen Holzofen. Nach der Messe, zum sogenannten „Frühschoppen“, war der Saal voll. An allen Tischen wurde Skat oder „Schoofskapp“ (Doppelkopf) gespielt. Gegen zwölf Uhr gingen die meisten dann zum Mittagessen nach Hause, bis auf die, die wohl nicht so ein richtiges gutes Zuhause hatten. Die blieben dann den ganzen Sonntag hier hängen, waren dann am Abend ziemlich besoffen und sangen traurige Lieder.

In den 50er Jahren sah man noch sehr selten Frauen in der Wirtschaft. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ungeheuerlich es mir vorkam, als ich mit ca. 6 Jahren die erste Frau sah, die ein Bier trank und eine Zigarette rauchte.

In Verlängerung an unseren Saal gab es schon seit den 30er Jahren eine Kegelbahn, auf der an Sonn- und Feiertagen zum Spaß und auch für Geld gespielt wurde. Für ein paar Groschen kamen Jungens aus dem Dorf zum Aufstellen der Kegel, und später durften wir Kinder aus dem Haus uns dort auch was verdienen.
Das war immer ein richtig spannendes Erlebnis.
Unser Saal hatte auch eine Bühne. Schon seit 1931 gab es eine Theatergruppe in Gilzem, die in unserem Wirtshaus probte und aufführte. Die Aufführungen im Krieg und nach dem Krieg waren große Erfolge, wie mein Vater erzählte. Die Menschen kamen zu Fuß von weit her, um sie mitzuerleben in der sonst kulturarmen Zeit.
Auch ich kann mich noch an einige Aufführungen erinnern, z. B. an „Carmen“ als Schauspiel, ein großartiges Ereignis für mich als Kind.

Der Musikverein um 1927 vor dem Gasthaus DichterAuch der 1927 gegründete Gilzemer Musikverein probte und gab seine Konzerte hier im Saal, und der Gesangverein Gilzem, 1865 gegründet, hat bis heute seine Heimat dort. In meiner Kindheit war er ein Männerchor. Er probte dienstags in unserem Saal. Meine Schwester und ich hatten unser Schlafzimmer darüber und fanden es wunderbar, die Männer singen zu hören. Bis heute liebe ich Männerchöre und die alte romantische Männerchorliteratur.
So ca. zweimal im Jahr kam der „Filmemann“, der aus unserem Saal ein Kino machte. Dann lag auch immer so eine Spannung in der Luft, von etwas ganz Besonderem. Leider hieß es dann immer: „Daat ass neist fir Kanner!“
Einmal durften wir Kinder den Film „Das Lied von Bernadette“, die Geschichte von Lourdes, sehen. Mein erster Film, von dem ich noch jahrelang träumte.

Aber die überragendsten Ereignisse im „Wirtschaftsjahr“ war „de Muusik“ an Fastnacht und an Kirmes. Bis in die 60er Jahre wurde dann an unserem Saal noch ein festes Zelt angebaut, mit richtigen Holzdielen und Blechdach. Das war für uns Kinder ein großes Ereignis! Wir sprangen den ganzen Tag in dem großen Zelt herum. Es roch nach Bohnerwachs, und alles war in gespannter Erwartung auf das Tanzfest. Wir Kinder durften dann auch schon mal länger aufbleiben und mit zur handgemachten Musik tanzen. Dazu kamen auch viele junge Menschen von den Nachbardörfern nach Gilzem, eine seltene Gelegenheit, wo sich Mädchen und Jungen treffen konnten, und viele Paare sind sich in der Sektbar bei den Tanzveranstaltungen näher gekommen.

Die Gaststube mit Theke 1959So gegen Ende der 50er Jahre zog auch in unserem kleinen Dorf der Fortschritt ein.
Im Dorf wurde die Kanalisation gebaut, die Straßen wurden geteert, und unser Misthaufen wurde von vor dem Haus nach hinten verlegt. Unser Haus und unsere Gastwirtschaft wurden komplett umgebaut und modernisiert. Mein Vater war sehr „modern“. Die schönen alten Holzdielen, Wandschränke, Türen etc. wurden herausgeworfen, und damit auch die alte Zeit. Schon als Kind habe ich dies sehr bedauert. Die alten Gerüche und Stimmungen verschwanden. Es roch nicht mehr nach Leinöl, sondern nach PVC, nicht mehr nach Holzfeuer, sondern nach Ölöfen.
Alles wurde moderner und sehr viel praktischer. Wir bekamen einen Elektroherd, einen Kühlschrank, eine Gefriertruhe und sicher die erste Anbauküche im Dorf.
Unsere Wirtschaft bekam große Fenster und helle moderne 50er-Jahre- Möbel.

Aber das Allertollste war der Fernseher, sicher auch der erste im Dorf. Bei besonderen Filmen, Fußballspielen und großen Ereignissen kam das halbe Dorf zum Schauen. Ich erinnere mich, dass wir 1963 mit der ganzen Schule die Beerdigung von John F. Kennedy in unserer Wirtschaft anschauten. Neben dem Fernseher stand die Musikbox. Für 20 Pfennige konnte man eine Schallplatte abspielen lassen, und für eine Mark sechs Stück. Das war für uns Kinder wie ein Wunder. In dem Schaukasten saßen drei musizierende Plüschaffen, die sich bewegten. Noch heute kann ich all die Schlager der 60er („Marina“, „Rote Lippen“ etc.) auswendig. Auch die Bewirtung wurde modern. Es gab jetzt auch Cola, Jägermeister, Eierlikör etc. Auf der Theke stand ein Glas mit Soleiern, und aus der Küche gab es Pommes Frites, halbe Hähnchen, Zigeunerschnitzel und Schaschlik.

Korelzen Lissi beim Servieren im elterlichen Gasthaus 1970Der allgemeine Wirtschaftsaufschwung  der 60er Jahre zeigte sich auch in unserer Wirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes. Die Menschen hatten mehr Geld, gingen häufiger aus. Man ging auch mal nur zum Vergnügen essen. Immer mehr Familienfeiern wurden von zu Hause in die Wirtschaft verlegt, Kegelclubs entstanden usw. Mitte der 60er baute mein Vater einen neuen großen Saal an und etwas später die erste vollautomatische Kegelbahn. Meine beiden Brüder, die nicht nur hinter der Theke, sondern auch auf der Kegelbahn aufgewachsen sind, wurden erfolgreiche Sportkegler, einer sogar Weltmeister, und die Gilzemer Sportkeglermannschaft stieg bis in die Bundesliga auf.

Nun sitze ich bei meinem Bruder an der Theke und denke über die guten alten Zeiten nach. Aber natürlich waren sie nicht nur gut. Was mussten meine Eltern und Großeltern viel und schwer arbeiten, hatten keine Freiheit und Freizeit!
Schwester Brigitte - Bruder Klaus und Vater Ernst - alle mussten mithelfen damit die Wirtschaft floriertAuch wir Kinder mussten von klein auf im gast- und landwirtschaftlichen Betrieb und in unserem „Buddik“ immer schwer mithelfen. Auf dem kleinen Hocker stehend, konnte ich schon sehr früh Bier zapfen und erlebte durch unsere Wirtschaft auch vieles, was andere Kinder nicht hatten. Und dabei lernte ich unheimlich viel für mein ganzes Leben.

Nirgends bleibt die Zeit stehen. Alles entwickelt und wandelt sich. Aber unsere Wirtschaft gibt es immer noch. Mein Bruder, der in 80er Jahren die Wirtschaft übernommen hatte, hat naturgemäß wieder vieles umgebaut und modernisiert. Heute gibt es vier vollautomatische Kegelbahnen, eine moderne Großküche, und der Innenhof unseres alten Bauernhofes wurde zu einem wunderschönen Biergarten.
Heutige Theke in der Gaststube Die moderne Bundesliga-4-Bahnen-Kegelanlage Der wunderschöne Biergarten
Geblieben sind die alten Mauern und die alte Gastwirtschaftsseele. Mein Bruder und seine Frau leben die alte Tradition weiter, sind freundlich und herzlich zu jedem Gast, offen und tolerant zu jedem Fremden, bereiten mit derselben Liebe das Essen zu und zapfen mit viel Herzblut das gute Bitburger, genau wie die Vorfahren.
Unsere Kneipe ist das Herz des Dorfes geblieben. Hier trifft man sich zu allen möglichen Gelegenheiten. Hier treffen sich Vereine und Clubs, finden Versammlungen und Wahlen statt. Ich glaube, das ganze Dorf liebt seine Wirtschaft und seine Wirtsleute.

Während ich an der Theke sitze, kommt ein neuer Gast, einer, der mit mir zur Schule gegangen ist.
„Ooh hei, Korelzen Lissi!“, freut er sich.
„Well trenken mir awa ähnen zusuumen!“
Wir sind uns einig:
„Wie schinn, daat Geelzem nooch su en Weatschaft hott!“
„Joo, un ett Beeburja schmaacht nährens su goot wie hei!“

Heimat ist Heimat.
Wie sehr wünsche ich meinen Kindern und Enkelkindern, dass es in ihrem Leben
noch beseelte Plätze wie diesen gibt, die sie mit „Heimat“ verbinden können!
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„Heißgeliebte Weatschaft" von Elisabeth Dichter-Hallwachs ist zuerst erschienen im Heimatkalender des Eifelkreises Bitburg-Prüm Nr. 66/2017

Infos zum Gasthaus Dichter in Gilzem: www.gasthaus-dichter.de
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